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500 km Erkenntnis – Zu Fuß nach Rom


Ich stehe gegen acht Uhr auf, esse Frühstück und mache mich dann entspannt auf meine 22 km Strecke. Cappuccino zum Start. Ich muss mich ja nicht hetzten. Denn auch wenn jeder einzelne Tag von 21 ein örtliches Ziel hat, geht es beim Laufen nicht darum. Denn bei diesem Weg geht es um den Weg an sich. Und die Frage, warum ich ihn laufe? Ich telefonieren kurz mit meinem besten Freund: „Weil du es Dir vorgenommen hast. Und das schon seit zwei Jahren.“ - Seit meiner ersten Wanderung. 250 km nach Santiago de Compostela. Ich bin ihm dankbar für die Antwort. Sie ist einfach und ehrlich, doch irgendwie reicht sie mir persönlich noch nicht aus. Immer wieder: Warum? Warum? Nicht in diesem negativen Sinne. Eher so: Was hat mich dazu bewegt, 500 km von Filattiera nach Rom zu laufen. Vielleicht will ich es mir selber beweisen und zeigen, dass ich es schaffen kann. Es ist Konfrontation. Eine Konfrontation mit mir selber.

In der Frühstückspause um zehn gönne ich mir einen Cappuccino und zwei italienische Gebäcke. Dann laufe ich weiter. Durch die italienische Weite der Landschaft. Es läuft nicht so gut. Ich spüre diese ungewohnte doppelte Belastung heute extrem. Auf den Füßen und auf den Schultern. Bin ich es nicht auch selber, was ich physisch trage? Denn was ich dabei habe, ist doch auch in vielen Hinsichten, das, was ich bin. Neben dem unbedingt Nötigen halt ein bisschen von meinem Klamottenstil, meine Kamera, mein mp3-Player, mein Block und mein Füller. Zeit für Gedanken. Ich mache meine Mittagspause.

Dann laufe ich weiter. Durch Zypressenalleen und Olivenhainen. Ich laufe mal wieder durch die größte Mittagshitze. 33 Grad und Sonne. Auch wenn es anstrengend ist, nervt es mich nicht. Es tut mir gut. Nach vier Stunden erreiche ich das Ende des heutigen Marsches. Mittlerweile trifft man bei der Ankunft in der Herberge immer wieder die gleichen Leute. Es ist es eine gute Unterkunft. Es ist kein Luxus-Hotel, aber daran gewöhnt man sich. Seit der Mittagspause freue mich auf die Dusche. So kalt. So gut. Dann kommt das alltägliche Sachen waschen. Per Hand - mit Haarshampoo. Kurz mal hinlegen. Doch nicht lange, denn ich muss raus. Ich will nichts verpassen, also nehme ich meine Kamera und mache mich nochmal auf den Weg. Und wieder habe ich Zeit. Erstmal für die Fotografie.

 

Da meine Flipflops gerissen sind, laufe ich barfüßig durch den italienischen Scharm der kleinen Gassen. Ich lasse den Blick schweifen. Ich suche nach Motiven und Perspektiven, nach Gesichtern und Geschichten. Und während ich so fotografiere, frage ich mich: Was ist das Foto an sich? Vielleicht eine Geschichte. Vielleicht eine Erinnerung. Aber sind Erinnerungen im Endeffekt nicht auch nur Worte. Egal, ob wir sie aussprechen oder nur denken. Können Worte Momente und Gefühle überhaupt beschreiben? Sind sie nicht viel zu abstrakt? Ich drücke auf den Auslöser. Und immer wieder denke ich an meine Freundin. Und ich frage mich: Ist Liebe nicht doch irgendwo Schicksal? Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich zwei Menschen treffen und verlieben. Bei 7,3 Milliarden Menschen. Dieses Gefühl. Und ich merke, und ich fühle, dass es nicht selbstverständlich ist. Zeit für Gedanken.


Auf dem Weg treffe ich Emma. Ich habe sie die letzten vier Abende schon gesehen. Und so beschließen wir, zusammen Pizza zu essen. Und wir unterhalten uns. Über das, was uns beide auf dem Weg beschäftigt. Nicht über Sachen und Informationen von Leuten und Medien, sondern über uns. Sie ist dreißig. Nach acht Jahren ist ihre Beziehung zerbrochen. Es geht ihr nicht gut. Deswegen läuft sie. Wir trinken die Flasche Wein aus und gehen schlafen. Ich kann mal wieder nicht einschlafen. Es ist zu warm. Und wieder frage ich mich: Warum laufe ich? Ist es die Selbstfindung, von der alle immer erzählen? Ich hatte das Gefühl, es ist nur so eine daher gesagte Floskel. Doch ich bemerke, dass es mir doch nicht viel anders geht. Zu mir zu finden. In so vielen Hinsichten. Ich bin 22. Studium beendet, Familie, Freundin, Freunde, Hobbys. Dankbarkeit…. Und dann schlafe ich ein. Ich stehe auf, esse Frühstück und mache mich auf den Weg. Und ich laufe und laufe und denke und denke und dann ist es wieder da. Das Bewusstsein des aktuell Passierenden. Und ich frage mich wieder: Warum laufe ich? Und ich denke mir: Ich bin lebendig. .

Ein Rausch ist Fliegen, ein Rausch ist frei sein


Ein Rausch ist Fliegen, ein Rausch ist frei sein.
Ein Rausch ist Frieden, ein Rausch ist high sein.
Er lässt uns sinken, fast ertrinken,
Er ist das Tauchen was wir brauchen.
Und füllt der Rausch die Energie,
so fühlt sich’s an, fast wie Magie.


Rausch


Er ist der Duft, der großen Liebe,
Er ist die Luft, die ich so liebe.
Ruhig und einsam, wie die See,
wie Überflutung in der Spree.
Langsam steigend, langsam neigend,
ratsam große Wege weisend.


Rausch


Ein Klon realer Dimension,
Wirklichkeit und Illusion.
Zeit und Raum, im Rausch verbunden,
die Anonymität verschwunden.
Gibt er uns Stärke, gibt uns Kraft,
mehr Selbstvertrauen und mehr Macht.


Rausch


Wenn Einsamkeit nur noch ein Wort,
Verbundenheit an jedem Ort;
die Welt ein bisschen besser ist,
dann fällt das Sein ins Gleichwicht.
Ein Klang der schönen Harmonie,
Gesang bis hin zum Kolibri.


Rausch


Er ist im Club, und grad beim Tanzen.
Doch minimal im großen Ganzen.
Er ist der Fluss der Resonanz,
Im Meer der großen Toleranz.
Erweiterung des Wahrnehmbaren,
Steigerung des in sich Klaren.


Rausch


Vom Streben nach Freiheit, Vom Streben nach Glück,
in den Moment, des Jetzt-Seins zurück.
Vom Boden der Wahrheit, fast schon erschlagen,
Vom Loben der Klarheit, kaum mehr zu tragen.
Gedanken verloren, endlich befreit.
Stress durch Leben, gar keine Zeit.


Rausch


Im Strom der ganzen Menschenmassen,
lebendig fühlend, fallen lassen.
Treibend in Liebe, treibend im Beat,
Kopfhörer auf, passendes Lied.
Techno, Rap und RnB
Beim Joggen beim Wandern, beim Fahren von Ski.


Rausch


Die Schaffung einer Existenz,
Die Majestät, die Exzellenz.
Die Krone auf das seiende Haupt,
dem Throne langsam anvertraut.
Das Zepter in der gold‘nen Hand,
gedankenverloren gegen die Wand.


Rausch


Es immer wieder tief zu spüren,
in der Abstraktheit von Gefühlen.
Wenn Worte ihrem Sinn entrissen,
Gefühle sich ergeben müssen.
Und Freiheit dann das große Ziel,
Sinn des Rausches: Wir sind hier.

Reisen in Kenia

 

Ich schließe die Augen, breite die Arme aus und fliege. Fliege durch die afrikanische Savanne und die aufwirbelnden Partikel des orange-roten Bodens der Steppe. Ich sitze als dritter Mann auf dem halb zerfallenen Motorrad und werde aus meiner Schwerelosigkeit gerissen, als Fahrer Justice eines der unvermeidbaren Riesenschlaglöcher passiert. Ich bin wieder da und kneife meine sonnenbrillenverdeckten Augen zusammen, bis sie sich an die Helligkeit Kenias gewöhnen. Langsam taucht mein Blick ein in diese andere Welt. Ein in die Kraft in der sie erstrahlt. Und ein in die Trockenheit die alles bestimmt.


Zwischen den Bäumen und Sträuchern tauchen nach einigen Kilometern die ersten Häuser auf. Bestehend aus Lehm und Gebüsch und immer noch weit ab von jeglicher Zivilisation. In leinende Gewänder gehüllt, treiben die Massai ihre Schaf- und Kuhherden über die nicht sichtbaren Weiden der Gegend. Sie leben ein Leben in Ruhe. Ein Leben, in dem Hektik nicht den Alltag bestimmt. Doch auch ein Leben, in dem die Existenz nur von Ihnen selber anhängig ist.


Nach einer weiteren Passage trockenen Nichts beginnt der Vorort von Taveta. Die Grenzstadt zu Tansania, von welcher aus man einen Blick auf den mächtig emporragenden Kilimandscharo hat. Nicht nur die eingeschossigen Hütten und Häuser zeugen von mehr Leben in diesem Gebiet. Nein, auch der Müll, welcher der sandigen Umgebung eine traurige Farbigkeit gibt, zeugt von Menschen und deren Konsum. Das Problem: Es gibt in solchen Regionen und Städten kein Recycling-System. Viele Leute sagen, dass es das Beste wäre, es einfach zu verbrennen.


Wir erreichen den Highway. Die einzige asphaltierte Straße, die sich in der Umgebung befindet. Dort verabschiede ich mich von Justice. Ich schaue mich um. Die einzelnen Gebäude, aus der Zeit der englischen Kolonie, geben solchen Gegenden einen klein bisschen Western-Look. Entlang der Straße ziehen sich die Gebäude, welche ihre bunten Farben schon vor vielen Jahren verloren haben. Die Obst und Gemüse-Stände, aus Brettern, Pfählen und Planen zusammengezimmert, säumen die Kreuzung der Sandpisten mit dem Highway. Zusammen mit den, in bunte Gewänder gehüllten, Verkäuferinnen geben sie der trockenen Bildnis lebendige Farbe.


Ohne den Fahrtwind ist die Sonne kaum erträglich. Fast senkrecht scheint sie auf mich herab. Ich gehe in eine Bar, bestelle mir einen Tee und setze mich auf die Plastikstühle im Schatten davor. Irgendwie passen sie nicht her. Die Stühle mit Werbung von Coca Cola oder Nestlé. Sie wirken wie Großkonzern-Schädlinge in dieser trockenen, abgeschiedenen Welt. Ich mache mich7 wieder auf den Weg durch Staub und Benzingeruch und suchen nach einer Mitfahrgelegenheit nach Mwatate. Ein LKW steht am Straßenrand. In der Hoffnung einzusteigen frage ich, ob ich mitfahren kann. Kann ich. Ich klettere auf die Ladefläche des Trucks, lege meinen Rucksack zwischen die unzähligen Tomatenkisten und nehme auf dem hintersten Rand Platz. Nach einiger Zeit auf dem Highway durchqueren wir ein Gate. Wir sind jetzt im Nationalparks Tsavo West. Während einige Giraffen, Zebras und Antilopen in Straßennähe weiden, beginnt sich die Sonne hinten den Horizont der Savavnne zu senken. Als sich die letzten warmen Strahlen auf mein Gesicht legen, schließe ich die Augen. Dann breite die Arme aus und fliege.


In Mwatate angekommen, steige ich in ein Matato. An guten Tagen stapeln sich bis zu 20 Menschen in diesen Kleinbussen mit 12 Sitzen. Während die Musik aus den Boxen rauscht, umkurvt der Fahrer die Schlaglöcher der Straße. Er quält unser Matato den Berg hinauf. Hinauf, in die Taita Hills. Dort erreichen wir die, von Bergen eingeschlossene, Stadt Wundanyi. Es leben circa 2.500 Menschen in dieser Stadt in den Wolken.


Mit dem Motorrad geht es nun die letzten 200 m bergauf. Die Wolken hängen als dichter Nebel über den Höfen und Terassengärten der Taitas. Ich erreiche mein heutiges und stetiges Ziel. Ich packe meine Sachen aus und gehe nochmal in den Garten meiner Gastfamilie. Ein Wolkenloch ermöglicht mir plötzlich die Sicht auf Wundanyi und die Taita Hills. Wo einst ein Urwald war, leuchten nun überall zerstreut die Lichter der einzelnen Höfe. Im Einklang zwischen Mensch und Umgebung spüre ich die Harmonie des Ortes, welcher meine derzeitige Heimat ist. Ich schließe ich die Augen und realisiere, wie sich die Positivität durch das Leben an sich schon manifestiert.